…solange einem das Schnitzel schmeckt

Als Tuvia Tenenbom 2009 vom Rowohlt-Verlag gefragt wurde, ob er Interesse hätte ein Buch über das heutige Deutschland zu schreiben, hat er sofort zugesagt. 2010 hat er sein Manuskript dem Verlag zur Veröffentlichung vorgelegt. Die Folge waren sehr viele heruntergeklappte Unterkiefer, als man das Buch gelesen hat. Tenenbom wurde von Alexander Fest, seines Zeichens Geschäftsführer von Rowohlt, aufgefordert Änderungen vorzunehmen bzw. Passagen gänzlich zu streichen. Was war passiert? Nun, Tenenbom hat auf seiner Deutschlandreise festgestellt, dass sich in den vergangenen 80 Jahren in Deutschland nicht viel verändert hat, wenn es um Ansichten und Meinungen zu Juden geht. Dabei begegnete er nicht nur offenen Antisemiten wie in einer Hamburger Neo-Nazi-Kneipe, sondern auch einigen sog. Juden- und Israelexperten wie Du und ich. Die haben ihn mit ihrem „Wissen“ bereichert was Weltjudentum, Israel, Nahost, Goldman Sachs, die „wahren“ Lenker der Weltpolitik und Antizionismus angeht. Fest lehnte diese „Darstellung“ seiner Volksgenossen entschieden ab. So ein Bild möchte man von Deutschland nicht darstellen. Tenenbom wollte gerne wissen weshalb, darauf bekam er von Fest die Antwort, dass manches besser geheim bleiben sollte („Well, there are things that are better kept secret“), oder wörtlich: „Ihr Buch ist erbärmlich und uninformiert“ („Your book is deplorably undercomplex and uninformed“).

Das „Bild“ das Fest so gerne geheim halten wollte, zeichnet ein Deutschland, das nach wie vor voller Ressentiments und Vorurteilen gegenüber Juden und Israel ist. Ein Deutschland in dem 80 Millionen Nahost-Experten leben und noch mehr Judaistikgelehrte. Das kann dem Image der Deutschen Vergangenheitsbewältigung eine große Delle herbeiführen. Und das möchte man tunlichst vermeiden, denn in Deutschland gibt es keinen Antisemitismus mehr und wenn, dann ist es exklusiv Gruppierungen wie dem NSU oder der NPD vorbehalten. In der sog. Mitte der Gesellschaft herrscht grosser Humanismus, Pazifismus und unbegrenzte Toleranz ja gar Judenliebe und -sorge.

Als das Buch im Dezember 2012 dann von Suhrkamp veröffentlicht wurde, wurde nicht über das Buch und dessen Inhalte diskutiert. Vielmehr wurde Tenenbom vorgeworfen polemisch und unseriös zu sein, oder wie es die Moderatorin einer WDR-Radiosendung so zutreffend ausdrückte: „Er will uns Deutschen auf die Pelle rücken und es ist natürlich klar, dass wenn ein jüdischer Autor nach Deutschland kommt, mit dieser Geschichte, mit diesen Vorfahren, in welche Richtung das gehen wird!“. Es war also der Bote und seine vermeintlichen hinterlistigen Absichten, die hinterfragt werden mussten, nicht die Inhalte seiner „Botschaft“. Der Diskurs über dieses Buch war jedoch so schnell vorbei, wie die Weltuntergangsprophezeiung des Maya-Kalenders. Der Thematik nahm sich nur kurz der Spiegel an. Ansonsten war weder in den zwangsgebührenfinanzierten TV-Anstalten eine Talkrunde zu diesem Thema zu sehen, noch wurde in irgendeiner Nachrichtensendung das Buch und dessen Inhalt thematisiert. Fest scheint mit seiner Aussage, dass manches lieber geheim bleiben sollte, nicht ganz daneben gelegen zu haben.

Ebenfalls im Dezember 2012 hat das SWC (Simon-Wiesenthal-Center) seine jährliche Liste der weltweit grössten bzw. bekanntesten Antisemiten veröffentlicht (http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TT_2012_3.PDF). Aufgelistet sind u.a. – wenig überraschend – die Muslim Brüder, das Iranische Regime sowie die rechtsnationale Ukrainische Svoboda (Freiheit) Partei. Bei all diesen Personen und/oder Organisationen gibt es eine breite Übereinstimmung, dass sie auch in diese Liste gehören. Ein Aufschrei geht aber seit einigen Tagen durch die Deutsche Journaille. Was ist geschehen? Auf Platz 9 wird der Verleger, Kolumnist, Journalist, SPIEGEL-Erbe und Kaviar-Linke Jakob „Augstein“ geführt. Eine Berichterstattung darüber oder gar einen Denkanstoß gab es in der Deutschen Presse- und Medienlandschaft nicht. Anstatt sich mit diesem Urteil des SWC auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wie es 80 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers dazu kommen konnte, dass sich wieder ein Deutscher als eines der weltweit grössten Antisemiten einreihen konnte, wird mal wieder der Überbringer der Botschaft angegangen.

Es wird analysiert, wie das SWC überhaupt auf die Idee kommen kann, dass ein Deutscher Journalist und vorallem Linker, als Antisemit bezeichnet werden kann, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so springen von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN über die ZEIT bis hin zur FRANKFURTER RUNDSCHAU alle Volksgenossen dem Augstein zur Seite und vermuten mal wieder eine jüdische Verschwörungs- und Diffamierungskampagne mit Unterstützung des infamen Broder. Sowohl Broder als auch das SWC haben einen kleinen aber entscheidenden Makel wenn es darum geht Antisemiten zu erkennen und zu benennen: beide sind jüdisch bzw. eine jüdische Organisation. Ebenso wie man von Tenenbom’s Buch nichts anderes erwarten konnte, können Juden scheinbar nicht ernst genommen werden, wenn es darum geht Antisemiten anhand ihrer Worte und Taten als das zu bezeichnen was sie sind. Da kommt schnell der Lieblingsbegriff sog. Israel-Kritiker zum Einsatz, die berühmte „Antisemitismuskeule“.

Es wird sich nicht mit der Kritik an „Augstein“ auseinandergesetzt. Seine Texte sind irrelevant. Seine offene und aggressive sowie einseitige antiisraelische Position steht nicht zur Debatte. Es wird wieder von der nicht vorhandenen Möglichkeit Israel – als Deutscher – zu kritisieren ohne gleich als Antisemit „diffamiert“ zu werden fabuliert. So gesehen, hat „Augstein“ eher den Bundespreis für Zivilcourage als den 9. Platz in dieser Liste verdient.

Eine ähnliche Solidaritätsbekundung von linker bis konservativer Presse, gab es in Deutschland wohl zuletzt als die IDF die Gaza-Flotilla daran hinderte die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen. Nicht nur das Broder mit Goebbels (http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-broder-diffamiert-augstein,1472786,21374630.html) verglichen wird, die vermeintliche Israel Kritik „Augsteins“ wird als ausgewogen und objektiv bezeichnet (http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf). Laut Minkmar von der FAZ sollte sich das SWC lieber um echte Antisemiten kümmern. Von denen gibt es schließlich genug. Augstein gehöre aber seiner Ansicht nach, nicht dazu! (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/antisemitismus-vorwurf-eine-offene-gesellschaft-12011369.html). Eines haben diese Meinungsauswürfe gemein: sie setzen sich nicht mit den mit den Kolumnen von „Augstein“ auseinander, sondern ausschließlich mit der „Analyse“ dieses Rankings. Aus ihrer Sicht ist der Fall klar: Israelkritik soll totgeschwiegen werden und jeder der es probiert, wird als Antisemit diffamiert und mundtot gemacht werden was wiederum der Kritik ihre Legitimität verleiht.

Wer sich jedoch mit Jakob’s Texten genauer auseinandersetzt, muss schon ziemlich abgestumpft oder äusserst zynisch sein um nicht den antisemitischen Unterton heraus zu lesen. Hier eine kleine Auswahl:

Hier versucht „Augstein“ – wie von Christian Bommarius (FR) behauptet –  erst gar nicht zwischen Juden und Israel zu unterscheiden, er spricht ganz offen aus wie es in ihm denkt: „Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. (…) Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“(http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html)

In der selben Kolumne bemitleidet er die Bewohner Gazas, die ähnlich „zusammengepfercht“ leben müssen wie die Berliner oder Münchener. Dabei verwendet er ganz bewusst den Begriff „Lager“ in diesem Zusammenhang um auch beim letzten Ignoranten kalkulierte Assoziationen auszulösen: „1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.“

Zudem ist für ihn klar, dass die Juden mal wieder an ihrem Schicksal selbst schuld sind. Wer auch sonst?

Zu den Gewaltausbrüchen im Zuge des Mohammed-Videos im September, fragte „Augstein“ ganz beiläufig Cui Bono? Wem nützt es? Wohl wissend, dass mit diesen Mitteln schon im Mittelalter gearbeitet wurde. Während in Europa tausende der Pest zum Opfer fielen, wurde die Schuld daran den Juden gegeben. Der Begriff der Brunnenvergifter machte die Runde. Zu Beginn des 20. Jh. waren es die Weisen von Zion die nach der Weltherrschaft strebten, dann war es das Finanzwesen was von Juden kontrolliert wird und mittlerweile sind es auch die Medien die ihre jüdisch-israelische Agenda in die Haushalte tragen. So schrieb „Augstein“: „Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. (…) Und auch Israels Premier kamen die Bilder der wütenden Muslime mehr als gelegen. Es war betrüblich mitzuerleben, wie er sie gleich für seine Zwecke nutzte.“(http://www.spiegel.de/politik/ausland/mohammed-film-wem-nuetzt-die-welle-der-wut-in-der-islamischen-welt-a-856233.html)

Als Günter GraSS sein Gedicht veröffentlichte und zwar mit allerletzter Tinte, schrieb   „Augstein“ unter der Übrschrift „Es musste gesagt werden!“ seine auf, oder wie es SPON bezeichnete „Ein Debattenbeitrag“. Darin ist für Augstein die Sachlage klar: Israel ist die grösste Bedrohung für den Weltfrieden und nicht die atomaren Ambitionen des Irans sowie die offenen Drohungen und Vernichtungsfantasien des „Maulhelden aus Teheran“. Das GraSS’ „Kritik“ legitim ist, bezog er aus der Tatsache heraus, dass GraSS damit gerechnet hat als Antisemit bezeichnet zu werden. Eine Blaupause für sog. „Israelkritiker“. Warum aber sollte man damit rechnen als Antisemit bezeichnet zu werden, es sei denn es ist einem bewusst, dass man das was man von sich gibt antisemitisch ist? So schreibt er: „Es ist ein Gespräch über Israel. Und darüber, dass Israel einen Krieg gegen Iran vorbereitet (…)Aber Grass ist weder Antisemit noch ein deutscher Geschichtszombie. Grass ist Realist. Er prangert das nukleare Potential Israels an, das „keiner Prüfung zugänglich ist (…)““(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html)

Das ist nur ein kleiner Auszug. Wer sich also damit beschäftigt und die subtilen und eindeutigen antisemitischen Töne überhört, muss mutwillig auf dem linken Auge blind sein und auf dem rechten Ohr taub.

Die jetzige Empörung ist aber nicht weiter verwunderlich. Wie schon gesagt, ist Broders „Fehler“, dass er Jude ist. Ein Jude darf sich nur kritisch zu Israel äussern oder über das Judentum. Er darf als Leumund für Linke auftreten wenn es darum geht Israel als den Aggressor zu zeichnen. Der Jude soll sich bloß zu seinen Artgenossen äussern und dem Deutschen selbst überlassen zu entscheiden wer Antisemit zu sein hat und wer nicht. Wehe der Jude oder eine jüdische Organisation mischt sich da ein. Hätte die Konrad-Adenauer-Stiftung „Augstein“ als Antisemiten bezeichnet, würde man wohl kaum über die Absichten oder versteckte Konspirationen sprechen, sondern wohl über die Inhalte. Aber die KAS wird weder von einem Juden geleitet noch ist es eine jüdische Organisation.

Der Optimist sieht in der Regel das Glas als halbvoll. In diesem Fall würde er wohl darauf verweisen, dass im Zuge dieser Solidarität mit „Augstein“, eines erreicht wurde, nämlich das selbst von denen die vehement darauf gepocht haben das Ahmadinejad kein Israelhasser und Antisemit ist, stellen in ihrer Relativierung fest, dass er es doch ist. Bis zur nächsten Top-Ten.

Das Deutschland seine Geschichte im zweiten Weltkrieg aufgearbeitet hat ist ein Mythos was gerne verbreitet wird. Bis zum heutigen Tag wird feinsäuberlich zwischen „Deutschen“ und „Nazis“ unterschieden, so als wären die „1933 wie Aliens in Deutschland eingefallen und hätten das Land unter ihre Kontrolle gebracht.“ (H. Broder). Es wird verdrängt was das Zeug hält. In der Psychoanalyse wird „Verdrängung“ als „ein grundlegender Abwehrmechanismus, durch den tabuierte und bedrohliche Inhalte und Vorstellungen von der bewussten Wahrnehmung des Menschen ausgeschlossen werden.“ definiert. (http://de.wikipedia.org/wiki/Verdr%C3%A4ngung_(Psychoanalyse)). Nichts anderes geschieht hier.

In seinem Buch schreibt Tuvia Tenenbom: „Between you and me, I don’t really care what Germans think about Jews. As long as I can enjoy their schnitzels, may they be blessed.“

In diesem Sinne: Guten Appetit!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s