Die getürkte Empörung

Es ist eine weitverbreitete Erfahrung, dass Kinder gerne Grenzen austesten. Sie provozieren Erwachsene, bewusst oder unbewusst, um so herauszufinden wie weit sie gehen können. Hierzu gibt es verschiedene Erziehungsmethoden. Nena würde ganz nach Montessori sagen, dass Kinder und Jugendliche ihre Grenzen selbst ausloten sollten. Andere wiederrum setzen auf ganz klare Ansagen und Grenzen und zeigen von Anfang an, was man darf und was man lieber lassen sollte, da es sonst zu Konsequenzen führt.

Wenn wir bei dieser Analogie bleiben, dann muss man die Empörung die Erdogan entgegen schlägt aufgrund seiner Bemerkungen zum Zionsimus, als unsägliche Heuchelei empfinden. Dass der türkische Premier diese Bemerkungen auf der 5. UN-Konferenz der „Allianz der Zivilisationen“ getätigt hat, sei geschenkt. Auch die Tatsache, dass der anwesende UNO-Generalsekretär fast 48 Stunden gebraucht hat, um diese Aussagen als „verletzend und spaltend“ zu bezeichnen, ist unbedeutend.

Tatsache ist, dass die sog. Weltgemeinschaft dem Treiben des Mitglieds der islamistischen Milli Gürüs, seit Jahren tatenlos und mit schweigender Zustimmung zusieht. Ebenso wie die Medien im vergangenen Jahr, den Beginn der Eskalation des Gaza-Konflikts mit der gezielten Tötung des Hamas Militärchefs Ahmed al-Dschabari ansetzten – dabei aber hunderte eingeschlagene und noch mehr abgefangene Geschosse aus Gaza auf Israel verschwiegen – fängt für sie das schlechte Verhältnis zwischen Türkei und Israel mit der Mavi Marmara 2010 an.
Das dies schlicht und ergreifend nicht der Wahrheit entspricht, ist dem israelkritischen Journalisten und Politker nebensächlich. Das die Faktenlage jedoch anders ist, kann jede Person die einen funktonierenden Finger, einen Rechner und Internetzugang besitzt, innerhalb von einer Minute herausfinden. So bezeichnete Erdogan bereits 2009 – also ein Jahr vor der Flotilla – auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Israelis als Mörder und griff den israelischen Staatspräsidenten Peres scharf an.

Das „Kind“ durfte seine Grenzen weiter ausloten. Im November 2012 meldete sich Erdogan wieder zu Wort und warf Israel vor, dass die Militäraktion gegen die Hamas „Staatsterrorismus“ sei und Israel „ethnische Säuberung“ in Palästina betreibe. Empörung der sog. Weltgemeinschaft? Null!

Selbst die amerikanische Administration, sah sich nicht in der Lage diese Aussagen zu verurteilen oder gar ihnen zu widersprechen, wie diese Pressekonferenz des State Departments zeigt:

Dabei hatte die Obama-Adminstration dieses Verhalten seines „strategischen Partners“ selbst gefördert. So hatte die US-Regierung im Juni des vergangen Jahres, aus Rücksicht gegenüber der Türkei, Israel aus dem „Globalen Anti-Terror Forum“ (GCTF) ausgeladen. Das von Obama ins Leben gerufene Forum hat zwei Vorsitzende. Die USA und – Sie dürfen raten – die Türkei! Ein Staat, dessen Regierung sich bis heute weigert die Hamas als eine terroritische Organisation zu bezeichnen und der freundschaftliche Beziehungen zur „demokratischen Regierung“ des Irans pflegt.

Unter den Teilnehmern waren so ausgewiesene „Terrorbekämpfer“ wie Saudi-Arabien und Pakistan zu finden. Israel, das seit seiner Staatsgründung mit Terror zu kämpfen hat und somit wie kein anderes Land der Welt Erfahrungen im Anti-Terror-Kampf verfügt, wurde vorallem auf Druck der türkischen Gastgeber ausgeladen.
Kritische Beobachter werteten dieses Vorgehen als Zeichen dafür, dass Obama sich auf Kosten Israels den muslimischen Staaten annähren möchte. Das Schweigen der Adminstration zu den Genozid-Vorwürfen Erdogans, bestärkte diese Annahme.

Man muss allerdings nicht über den Atlantik schauen um fehlgeleitete „Erziehungsmethoden“ zu erkennen. Auch die Europäer und insbesondere Deutschland, haben viel unternommen um Erdogan’s Selbstbewusstsein bezüglich seiner Politik gegenüber Israel und vermeintliche Führungsrolle der „islamischen Welt“ zu stärken.

Sigmar Gabriel riet Erdogan „diese verheerende Gleichsetzung zurückzunehmen“. Nur wenige Monate zuvor bezeichnete der selbe Gabriel Israel als ein Apartheid-Regime. Ende 2012 lud er und seine Generalsekräterin Andrea Nahles, Vertreter der Fatah nach Berlin ein, um „gemeinsame Werte“ zwischen der SPD und der palästinensischen Partei festzustellen.

Ende Februar prophezeite der EU-Komissar für Energie und ehemalige Baden-Württembergische Landesvater Günther Oettinger, dass die EU eines Tages „angekrochen kommen wird“ um die Türkei um einen EU-Beitritt zu bitten. Applaus erntete Oettinger aus der Türkei. Widerspruch war im Blätterwald nicht zu vernehmen.
Das nur knapp 4 Wochen zuvor, der türkische Aussenminister von einer Konspiration zwischen Israel und Assad zur Destabilisierung Syriens fabulierte, schien nur eine Randnotiz zu sein. Viel mehr störte er sich daran, dass die Syrer Israel nicht angriffen, als die IDF eine Waffenlieferung an die Hezbollah auf syrischem Boden stoppte. Die Reaktion des „Westens“? Betretens Schweigen!

Das türkische „Kind“ durfte sich also jahrelang auf Kosten Israels austoben, bis es anscheinend eine Grenze überschritt. Tat es das aber wirklich, oder ist Erdogan in diesem Kammerstück nicht der einzige der sich immer treu blieb in seiner immer wieder ausgedrückten Verachtung für Israel?

Eine wichtige Grundregel in der Erziehung ist es, dass sich Eltern in ihren Handlungen und Entscheidungen gegenüber dem Kind nicht widersprechen, denn das kann auf das Kind als inkonsequent und verwirrend wirken. Es muss eine klare Linie erfahren, da sonst die Gefahr besteht, dass die Eltern nicht ernst genommen werden und das Kind am Ende rücksichtslos tut was es will, selbst wenn es in der Konsequenz anderen Schaden zufügt. In solchen Szenarien kommt es häufig vor, dass die Eltern am Ende komplett hilflos dastehen, sich ansehen und versuchen sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass man doch alles richtig getan hätte!

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