Liebes Europa, lass uns eine neue Tradition begründen

Liebes Europa,

Du hast also eine Förderrichtlinie verabschiedet, die Israel vorschreibt welche Projekte man für unterstützenswert hält und welche nicht. Ich bin mir sicher, dass Du das in guter Absicht getan hast. Immerhin liegen wir Juden Dir am Herzen und Du machst Dir nun Mal Sorgen, dass wir den falschen Weg gehen.

Wie eine Mutter versuchst Du durch kleine Strafmaßnahmen Dein Kind auf die richtige Bahn zu lenken. Unverschämt hingegen die Reaktionen aus Jerus… oh verzeih mir, selbstverständlich wollte ich Tel Aviv sagen, denn Du erkennst Jerusalem nicht als unsere Hauptstadt an, sondern betrachtest es lediglich als Regierungssitz.
Was haben wir uns auch dabei gedacht, selbst zu entscheiden welche Stadt wir zur Hauptstadt ernennen, ohne Dich vorher um Rat zu fragen? Ich hoffe das siehst Du uns nach.

Es ist wirklich lobenswert sich soviel Sorgen und Mühe um uns Israelis zu machen. Du hörst nicht auf zu betonen wie wichtig für den Nahen Osten und somit für den Weltfrieden, eine Lösung zwischen uns und den Arabern ist. Dieser Konflikt bestimmt Deine Tage und hält Dich nachts wach. Eben wie eine echte jüdische Mutter.

Ich möchte Dir aber einen Vorschlag unterbreiten. Nein, lass mich ausreden. Es wird etwas schwer zu verdauen sein und Du wirst Dich vielleicht dran gewöhnen müssen, aber wir müssen dieses Gespräch führen. Daran führt nun Mal kein Weg vorbei.

Wir befinden uns im 66. Jahr unserer Unabhängigkeit. Udo Jürgens ist der Meinung, dass erst jetzt das Leben anfängt. Wir haben wirklich große Lust darauf. Glaub uns.

Wir haben auch diese Kriege, Konflikte, Raketen, Mullahs usw. satt. Wir haben einfach nur Lust sinnlos am Strand in einem Cafe zu sitzen, ein Eiskaffee zu schlürfen und eine arabische Pita mit Humus und Falafel zu genießen. Wir möchten früh ins Bett gehen ohne von einem Code: Red Raketenalarm mitten in der Nacht aufgeweckt werden. Ja wie Udo es schon sagte „Mit 66 Jahre, da kommt man erst in Schuß!“

Daher mein Vorschlag: überlass uns doch einfach uns selbst. Was hältst Du davon? Lass uns doch einfach mal unseren Ding durchziehen. Hab vertrauen. Du hast Dich die letzten 65 Jahre so gut um uns gekümmert, dass wir uns mittlerweile selbst zutrauen allein durch die Welt zu gehen. Im Zweifel gibt es ja noch Deinen ungeliebten Stiefbruder, Onkel Sam, der uns ab und an unter die Arme greifen könnte wenn es nötig ist. Bislang war es noch nicht der Fall, aber man sollte nie nie sagen.

Geh mit uns so um wie Du es mit Deinen anderen Sorgenkindern in der Vergangenheit bereits getan hast. Wie mit Darfour, Srebrenica, Tibet und Afghanistan. Oder wie Du es zur Zeit machst mit Syrien, Iran und dem Irak. Ignorier uns doch einfach. Lass uns doch einfach Mal versuchen auf eigene Füsse zu stehen. Hab etwas Vertrauen. Wenn wir Deine Hilfe doch benötigen sollten, dann melden wir uns bei Dir. Versprochen!

Soviel dürfen wir wohl bitten, aufgrund unserer gemeinsamen Geschichte.

Hach, unsere gemeinsame Geschichte. Da kommt man echt ins Schwärmen. Ja weißt Du, Du sprichst immer so gerne von der Christlich-Jüdischen-Tradition Europa’s. Traditionen sind was schönes, etwas was Menschen verbindet.

In Israel lieben wir Traditionen. Ja selbst wenn wir nicht religiös sind. Grillen am Yom Ha’Atzmaut, Seder Pessach mit der Familie, uns über alles zu beklagen und gleichzeitig für die tollsten zu halten. Traditionen sind wirklich was feines.

Tut mir leid, ich schweife schon wieder ab. Auch so eine Tradition die wir Israelis haben. Wir reden gern und viel und glauben immer alles besser zu wissen. Wo war ich? Achso, ja: Christlich-Jüdische-Tradition Europa’s!

Im 13. Jh. war diese Tradition Juden für die Pest verantwortlich zu machen. Da war diese Tradition Juden zu verfolgen und massakrieren. Die Juden die man zwangsgetauft hatte, wurden fortan als Marranen (Schwein) bezeichnet. Doch selbst der erzwungene Glaube an Jesus konnte diese Juden nicht vor Verfolgung und Massakrierung retten.

Im Spätmittelalter entstand eine neue europäische Tradition. Du hattest die grandiose Idee uns in abgegrenzte Gebiete zu konzentrieren. Ghettos hast Du das genannt. Sicherlich geschah dies aus Rücksicht. Ja selbst tolle Abzeichen und Hüte hast Du für uns designt, damit uns auch jeder erkennen kann. Quasi die erste CI der Menschheitsgeschichte. Dafür sind wir auch dankbar. Ebenso wie für den Verbot zunftmäßigem Erwerb nachzugehen, weshalb als einzige Einnahmequelle für uns der Handel und Finanzwesen übrig blieb. Du konntest ja nicht ahnen, dass Du damit den Grundstein für die Tradition des Mythos vom „Weltfinanzjudentum“ gelegt hast.

Ein Gesicht dieser jahrtausende alter Tradition war 1894 der Hauptmann Alfred Dreyfus. Es war zwar hanebüchen ihm Landesverrat vorzuwerfen, weil Juden ja keinen eigenen Staat hatten, aber da er nun Mal Jude war, wird schon was dran gewesen sein. Ganz im Sinne unserer Christlich-Jüdischen-Tradition.

Sicherlich, es gab auch andere Traditionen in der Geschichte des europäischen Judentums. Hervorzuheben wäre zum einen der entscheidende Einfluss in Italien lebender Juden auf die Renaissance (Da hatte sich der Verbot zunftmäßigem Erwerbs nachzugehen bereits erste Früchte getragen. 1:0 für Dich!) und zum anderen die Aufklärung, ohne die Dein heutiges Aussehen wohl kaum vorstellbar wäre. Trennung von Staat und Kirche? Wem hätte bloß so eine wahnsinnige Idee einfallen können, ausser einem verrückten Juden!

Wie es so häufig mit Traditionen ist, führten diese zu neuen Traditionen. Noch mehr Judenhass durchzog Dich. Selber Schuld wenn Du mich fragst. Hätten wir uns doch einfach mit dem Wohlwollen und Dulden des Adels zufrieden gegeben. Aber Du weißt ja Europa, wir Juden können nie genug kriegen.

Die Tradition zwischen 1933 und 1945 müssen wir hier nicht erwähnen. Das war quasi die „Mutter aller Traditionen“.

Sicherlich, es war so nie beabsichtigt und keiner konnte sich vorstellen, dass sowas Menschen anderen Menschen antun können, aber hey, wir sind ja auch zum Teil selbst Schuld. Wir hätten es doch besser wissen müssen. Hätten wir damals bloß die Zeichen richtig gedeutet und uns gewährt oder zumindest einen Judenstaat gehabt. Shit happens. Schwamm drüber!

Traditionen muss man nun Mal pflegen. Nach 1945 und spätestens 1948 war Dir klar, die jahrtausend alte Christlich-Jüdische-Tradition wird es so nicht mehr geben. Du hast Dich wie ein amputierter gefühlt. Es war ein Phantomschmerz. Du konntest es Dir nicht erklären und warst in den ersten paar Jahren noch ganz gelähmt von dieser Entwicklung.

Du musstest dabei zusehen, wie die arabische Welt Deine Traditionen übernahm. Nur dieses Mal waren wir die Spielverderber. Wir hatten keine Lust an neue Traditionen. Wir hatten ja schon genug. So schön Tradition auch ist, manchmal kann sie ganz schön nerven, oder wer kennt nicht das Gefühl nicht auf dem Geburtstag eines Verwandten gehen zu wollen aber zu müssen?

Es haben Jordanien, Ägypten, Libanon, Sudan, Irak, Iran, Syrien, Libyen und viele viele mehr, Deinen Platz eingenommen. Das hat weder uns noch Dir so richtig gefallen. Und so hast Du dies jahrzehntelang zähneknirschend hingenommen. Wir waren nun Mal weggezogen und hatten unseren eigenen kleinen Flecken Erde gefunden, wo wir ohne Deine Aufsicht leben wollten. Wir fühlten uns nach über 2000 Jahren, endlich erwachsen genug um in die große, weite Welt zu ziehen.

Selbst kleine Rückschläge warfen uns nicht zurück. Da war die Ermordung von 11 Israelis während der olympischen Spielen durch unsere Nachbarn in Deinem Vorgarten, oder die Entführung einer Air-France-Maschine nach Entebbe im Jahre 1976. Ganze 31 Jahre nach Auschwitz, konntest Du Dich immer noch nicht damit so richtig abfinden, dass manche Traditionen nicht mehr fortbestehen. So trennten Deutsche Linksterroristen, jüdische von nicht-jüdischen Passagiere. Mit Sicherheit um alte Traditionen wiederzubeleben.

Die ganze Welt war empört, als wir nicht mitmachen wollten. Der ehemalige SA-Mitglied und UN-Generalsekräter, Kurt Waldheim, war überhaupt über diese Tatsache so gar nicht erfreut. Schon gar nicht darüber, dass wir ohne Herrn Idi Amin zu fragen, einfach so in sein Land rein- und rausspazierten. Herr Waldheim wusste nämlich genau wovon er sprach, denn er ist in seiner Jugend sehr oft einfach so in andere Länder rein- und rausspaziert.

Persönlich glaube ich, dass es für Dich ein Schlüßelmoment gewesen sein muss. Da hast Du für Dich entschieden, dass es nicht ausreicht uns mit Taschengeld zu unterstützen ohne etwas dafür zurück zu verlangen. Du sahst Dich gezwungen einzugreifen und uns den richtigen Weg aufzuzeigen. Du machst Dir nun Mal große Sorgen um uns. Eben wie eine jüdische Mutter.

Und nun sind wir auch schon in der Gegenwart. In den 37 Jahren seit Entebbe hat sich sehr viel getan. Du bist engagierter als je zuvor wenn es um Deine Juden geht. Du gibst uns wieder Rat- und Vorschläge wie wir unser Leben und das unserer Nachbarn besser, friedlicher und vernünftiger gestalten können.

Selbst Deine führenden Köpfe sind der Ansicht, dass wir große Hilfe benötigen. Ja sogar einige von uns sind dieser Ansicht, dass wir ohne Dich nicht überleben können. Alte Traditionen werden wiederbelebt. Schwedische Bürgermeister vergleichen das streben der Juden nach Selbstbestimmung in einem eigenen Staat aka. Zionismus, mit islamistischem Terrorismus und raten uns, uns von dieser Idee zu distanzieren solange wir noch bei Dir wohnen, ansonsten könnten wir damit unnötigerweise Hass säen.

Intellektuelle Verlagserben vergleichen uns sogar mit den Nazis. Gaza und die Westbank sind für sie das neue Warschauer Ghetto. Sänger, Schauspieler, Regisseure, Buchautoren, Politiker und Journalisten fordern aus Freundschaft und Liebe zu uns, uns zu boykottieren. Anders scheinen wir es Juden nun Mal nicht zu verstehen.

Dabei haben anscheinend alle bis auf uns Juden vom Holocaust ihre Lehren gezogen. Wir sind wie ein Vergewaltigungsopfer, dass einfach nicht verstehen will, dass die Lehre aus der Vergewaltigung ein neuer Klamottenstil sein sollte. Ein etwas dezenterer und demütigerer. Nicht so auffällig. Sollte das Opfer seine Garderobe doch nicht ändern, dann ist es nur selbst schuld wenn es wieder vergewaltigt wird.

Du siehst wir verstehen Dich. Du handelst nur in guter Absicht. Daher auch die neue Förderrichtlinie der EU. Wir verstehen das.

Dennoch möchten wir das Du verstehst, dass wir es mal selbst versuchen wollen, ja sogar müssen. Wir brauchen Deine Ratschläge nicht. Wir sind alt genug. Missverstehe uns nicht, wir sind dankbar wenn Du großartige Einfälle hast und sie uns mitteilen möchtest, aber wir denken, dass Du Dich so sehr auf uns fokussiert hast, dass Du vergessen hast, dass Du auch so Deine Probleme hast, die Du vermutlich zuerst lösen solltest.

Da wäre Griechenland, die Eurokrise, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und ganz wichtig, die Namenswahl für Kate und William’s Baby. Nicht zu vergessen die ausstehende Entscheidung, ob die Hezbollah eine Niederlassung der SPD, oder vielleicht doch eine terroristische Organisation ist.

Ich habe Dich gewarnt. Wir Israelis lieben es viel und lange zu reden. Was ich im Grunde einfach nur sagen möchte ist, dass Du uns genauso schlecht oder gut wie alle anderen behandeln sollst.

Liebes Europa, lass uns neue Traditionen begründen. In Israel haben wir eine Redewendung. Die geht ungefähr so:

Ani Et’asek b’esek sheli, ve ata be schelcha!

Was soviel heisst wie: Ich kümmere mich um meine Sorgen, Du Dich um Deine!

Das könnte eine wahrlich großartige neue Tradition werden, meinst Du nicht auch?

In ewiger Dankbarkeit,

Ein europäischer Israeli

 

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3 Gedanken zu “Liebes Europa, lass uns eine neue Tradition begründen

  1. Köstlich, genial, erste Sahne.
    Jetzt muss es nur noch ein paar aus der sich duckenden Zielgruppe treffen.

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