Offene Wunden, Übersetzungsfehler und fliegende Schweine

Das war ein turbulentes Wochenende. Mein Neffe hat seinen 16. Geburtstag gefeiert, in Berlin herrschten bis zu 35 Grad im Schatten, Gegner und Anhänger Israels marschierten auf dem Ku’damm und ich habe mir neue Nike Sneaker geleistet. Es geschah aber noch mehr.

Der Iran hat seinen neuen Präsidenten vereidigt. Hassan Rohani heisst der neue zweitstärkste Mann der Mullahs. Für die westlichen Medien ist er das schiitische Equivalent zu Barack Obama. Nach seiner Wahl knallten in fast allen Redaktionen die Sektkorken. Rohani schaffte es wieder Obama’s Change- und Hope-Geist von 2008 von den Toten zu erwecken. bei den westlichen Medien lagen sich Menschenmaßen in den verschiedenen Redaktionsstuben in den Armen. Endlich. Nach 8 Jahre mit dem Irren aus Teheran, hatte „der Westen“ einen „gemäßigten“ und „moderaten“ Mullah. Jetzt sollte alles gut werden. Die Atomverhandlungen können mit Sicherheit zu einem erfolgreichen Abschluß gebracht werden und die grösste Bedrohung für den Weltfrieden aka Israel, hätte keinen Grund mehr mit Selbstverteidiung zu drohen und die ganze Welt mit in den Abgrund zu ziehen.

Am Freitag Nachmittag kam die Ernüchterung. Auf der Massenkundgebung zum Al-Quds-Tag in Teheran, hielt Rohani die traditionelle Ansprache. Wie bei jedem artigen und wohlerzogenen muslimischen Staatsoberhaupt, war ein Teil seiner Rede für das „zionistische Regime“ reserviert.

Rohani sagte: „Die islamische Welt muss gegenüber dem zionistischen Regime Einheit zeigen, da dieses Regime eine alte Wunde ist, die seit Jahren in ihrem Körper steckt und beseitigt werden muss.“ So vermeldeten es zwei iranische Nachrichtenagenturen. Zum ersten Mal seit Jahren herrschte in den westlichen Medien Schnappatmung wenn es um den Iran ging. SPON, sonst nicht gerade für objektive Berichterstattung bekannt wenn es um Israel geht, schaltete die Meldung sogar ganz oben auf der Seite.

Dann die Erleichterung. Die selben iranischen Agenturen, die die Meldung verbreiteten, ruderten jetzt zurück. Ein Übersetzungsfehler soll es gewesen sein. Alles nicht so gemeint und vorallem halb so schlimm. Was Rohani „wirklich“ sagte war, dass die „Wunde“ der islamischen Welt nicht „beseitigt“, sondern lediglich „geheilt“ werden muss. Also alles nicht so Wild und schon gar keine offene Drohung gegen das „zionistische Besatzungsregime“.

Bestimmt wollte er damit einfach nur seine Sorge zum Ausdruck bringen und den Juden in Israel mitteilen, dass ihnen bald das Lachen vergehen wird. Ähnlich wie Goebbels seinerzeit mit den Juden Europas. Begriffe wie ‚Holocaust‘, ‚Vernichtungslager‘, ‚Völkermord‘ oder ‚beseitigen‘ nahm er auch nicht in den Mund. Dann ist ja jetzt doch alles wieder Lot, perfekt, exzellent! Wenn, ja wenn nur das einem nicht wie ein Deja vu vorkäme.

Hassan Rohani Quelle: Wikicommons © Mojtaba Salimi

Hassan Rohani
Quelle: Wikicommons
© Mojtaba Salimi

Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin und eine der beliebtesten „Nahostexperten“ der Presse, klärte 2010 ein Missverständnis auf. Ahmedinejad hätte nie gesagt, dass „Israel von der Landkarte radiert werden muss“, sondern nur von den „Seiten der Geschichte“ verschwinden. Was atmete die Welt damals auf. Bis heute ist diese Übersetzung das Corpus Delicti wenn es zu den wahren Gefährdern des Weltfriedens kommt. Selbst Nobelpreisträger und Magazinerben berufen sich mit Vorliebe darauf. Oder wie es Broder formulierte: „Dank Frau Amirpurs Richtigstellung können die Israelis seitdem nicht nur ruhig schlafen, es kann auch jeder Penner, der sich für einen Nahostexperten hält, auf ihre Expertise zurückgreifen, wenn er beweisen will, dass die Israelis den Iran bedrohen – und nicht umgekehrt.“

Womit wir nahtlos bei dem nächsten Highlight des Wochenendes wären. Es ist knapp eine Woche her, dass BDS-Fan und Rocklegende Roger Waters auf eines seiner Konzerte ein Schwein mit einem Davidstern in die Luft steigen ließ. Offener Antisemitismus wurde ihm vorgehalten.

Lange hat Herr Waters nicht auf eine Reaktion von sich warten lassen. Auf seiner Facebookseite, veröffentlichte er einen offenen Brief. Darin geht er auf die Vorwürfe, er sei ein Antisemit, ein. Er schreibt, dass er überhaupt kein Antisemit sein kann, denn er habe nicht nur viele jüdische Freunde und Bekannte – u.a. den Neffen des verstorbenen Simon Wiesenthal – sondern auch jüdische Familienmitglieder. Er nennt dabei seine jüdische Schwiegertochter und weist daraufhin, dass sofern er richtig informiert sei, seine beiden Enkelkinder ebenfalls jüdisch sind.

Selbstverständlich lässt es sich Waters nicht nehmen auf das „theokratische Regime“ in Israel einzugehen, das sowohl in den „besetzten Gebieten“ als auch im Inland ein rassistisches und diskriminieredes System betreibt. Zu seinen Motiven äussert sich Waters wie folgt: „In meinen fast 70 Lebensjahren […] hatte ich immer einen klaren Standpunkt vertreten, wenn es darum ging die Freiheit zu beschützen.“

Nicht das es wirklich notwendig wäre dies noch Mal zu erwähnen, aber wie wir alle wissen, geht es Fans und Initiatoren von BDS-Aktionen selbstverständlich und ausschließlich um Freiheit und das Wohl des jüdischen Volks in Palästina.

Bemerkenswert an Waters‘ Brief sind drei Sachen:

1. Verliert Israel den Status einer parlamentarischen Demokratie und mutiert zum eigentlichen Mullah- (oder doch Haredi?) Staat in der Region.

2. Die Tatsache, dass Apartheid nicht mehr „nur“ in den seit 1967 „besetzten Gebieten“ stattfindet, sondern mittlerweile auch im israelischen „Kernland“. Hierzu wäre es spannend zu erfahren, was die arabischen Knessetabgeordnete von dieser Aussage halten und wie ihre Konversion zum Judentum vonstatten ging

3. Hebt er den Begriff des allseits beliebten „Alibijuden“ auf ein neues Level. Nicht nur hat er „viele jüdische Freunde und Bekannte“, darunter gar der Neffe eines Shoah-Überlebenden, sondern er hat sogar jüdische Enkelkinder. Spätestens an dieser Stelle wissen wir, dass Tatelle Waters nie im Leben einen Judenknacks haben kann. Wie das perfekt funktioniert beweist uns seit Jahren die „Tochter“, die trotz ihrer Israelobsession und Hamassympathien niemals auch nur annähernd antisemitisch sein kann.

Ob sich der Beschützer der Freiheit und Menschenrechte demnächst dem 100.001sten Toten in Syrien widmen wird, gab er nicht bekannt. Allerdings, können solche Feinheiten in der Übersetzung schon Mal verloren gehen.

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