„Wenn Flüsse aufwärts fließen…“

2,5 Jahre, über 100.000 Tote und ein Giftgasangriff waren nötig, damit der Salon-Marxist und Magazinerbe „Augstein“ eine Kolumne zu Syrien verfasst. Dabei schafft er es den Fokus fast ausschließlich auf die USA und Israel zu richten. Der Versuch einer Analyse.

In seiner heutigen Kolumne hat Jakob „Augstein“ Walser, Stellung zum syrischen Bürgerkrieg bezogen. Dafür brauchte er lediglich 2,5 Jahre, über 100.000 Tote und einen Giftgasangriff, das hunderten von Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, das leben kostete. Dennoch schafft es „Augstein“ nicht aus seiner Haut. Sein offener Antiamerikanismus und seine Israelobsession, kommen in jedem Absatz durch. Mal deutlich, mal subtil.

Er schreibt:

„Syrien ist ein Schlachthaus, und die Syrer sind darin gefangen. Im Inneren reiben sich die Truppen des Diktators Assad, die Kurden im Norden, die Dschihadisten von der Nusra-Front und die Rebellengruppen, die sich in der Freien Syrischen Armee zusammengeschlossen haben, gegenseitig auf. Und draußen stehen Amerikaner, Russen, Iraner, Libanesen, Israelis, Jordanier und die Spendier-Scheichs aus Katar, Kuwait und Saudi-Arabien und liefern Geld oder Waffen oder Truppen.“

Das faszinierende an diesem Absatz ist, nicht die Tatsache, dass Syrien ein Schlachthaus ist, hier liegt „Augstein“ richtig, sondern die Aussage, dass ebenso wie Katar, Saudi-Arabien, Russland, die USA und andere, auch Israel Geld und Waffen liefern soll. Woher Augstein diese exklusive Information hat, verrät er nicht. Hier wäre die beliebteste Fragestellung von Verschwörungstheoretikern angebracht: Herr „Augstein“, Cui bono? Was nützt es Israel wenn sie irgendjemanden in diesem Konflikt mit Waffen oder Geld unterstützen? Warum erwähnt er nicht, dass Israel sich bewusst aus diesem Konflikt heraushält, weil es aus erster Hand weiß, wer in Syrien die „Opposition“ ist? Das hätte Augstein bei den israelischen Einheiten auf den Golanhöhen nachfragen können. Denn die werden von eben jener „Opposition“, ebenso wie von der syrischen Armee, in unregelmässigen Abständen beschossen. Sorry, ich vergaß, dass Augstein keinerlei Ambitionen hat nach Israel zu reisen, weil es ja ein „Apartheidstaat“ ist. Kein Problem, er könnte auch einfach nach Österreich reisen und sich dort gemütlich in einem wiener Cafe mit einem österreichischen UNIFIL-Soldat unterhalten. Aber das wäre wohl zuviel verlangt von einem „kritischen Journalisten“.

„Die sogenannten Verbündeten haben ihre eigenen Interessen. Und für alle steht zu viel auf dem Spiel, als dass sie dem Blutvergießen ohne weiteres ein Ende setzen würden. Was ist das Leben der Syrer im Vergleich zu den welt-, macht-, strategie- und energiepolitischen Einsätzen, mit denen Russen, Amerikaner, Iraner und Israelis handeln?“

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, was „Augstein“ hier dem Leser vermitteln möchte. Nicht nur, dass er ein Mal mehr zu alten antisemitischen (Ja, ich habe das A-Wort gebraucht) Stereotypen greift, in dem er dem jüdischen Staat unterstellt, dass es nach welt- und machtpolitischen Interessen handelt und das auf Kosten des Lebens anderer, sondern er stellt Israel (Ein Staat von der Grösse Hessens) in einer Reihe mit der Weltmacht USA und den beiden Regionalmächten Russland und Iran. Wie genau Israel eine Welt- geschweige denn eine Regionalmacht sein kann in einer Region, in der alle seine Nachbarn lieber heute als morgen diesen Staat von der Landkarte ausradieren würden, erläutert er nicht. Mit dieser hanebüchenen Hypothese wäre es vermutlich ganz schnell vorbei, wenn er das ausführen müsste.

„Nun kommt der Ruf nach dem Militär wie ein leerlaufender Reflex. Der amerikanische Verteidigungsminister hat soeben mitgeteilt, man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Schiffe werden in die Levante verlegt. Israel gibt bekannt, man habe schon den „Finger am Abzugshahn“. Aber niemand glaubt im Ernst, der Westen sei willens oder in der Lage mit Panzern und Bomben in das riesige Syrien einzufallen. Der Schlüssel für Damaskus liegt in Teheran.“

Israel hat also den „Finger am Abzugshahn“. Das klingt böse, ja das klingt sogar nach einer Drohung aus Jerusalem. Da ist es verständlich, wenn sich Jakob grosse Sorgen macht. Sollte man, wenn er nicht ein altes Stilmittel des „kritischen Journalismus'“ gebraucht hätte: Aussagen aus dem Zusammenhang reissen und ihnen somit einen neuen Dreh verleihen. Hier ist was Netanyahu tatsächlich sagte: „Unser Finger trägt eine Verantwortung und wenn nötig, wird es auch am Abzug sein. Wir werden unsere Bürger und unseren Staat gegen jeden der uns angreift, versucht anzugreifen oder angegriffen hat, verteidigen.“ Eine Aussage, die so selbstverständlich ist, dass selbst die isländische Regierung sie treffen könnte. Aber Jakob lässt diese Fakten einfach unterm Tisch fallen, würde es doch sein Bild vom Juden der dem „Gesetz der Rache“ folgt und der die grösste Bedrohung für den Weltfrieden ist, negieren.

„Dabei hatte schon Ahmadinedschads Vorgänger Chatami 2003 versucht, den kalten iranisch-amerikanischen Krieg zu beenden: Damals war die Rede davon, das iranische Atomprogramm zum Teil einer großen Verhandlungslösung zu machen. Es war die Rede davon, dass Iran Israel seine Anerkennung gewähren und Hisbollah und Hamas seine Unterstützung entziehen wolle. Aber die damalige Bush-Regierung winkte ab – die Amerikaner haben an einem gemäßigten Iran kein Interesse. Sie wollen den Regimewechsel.“

Jetzt wird es ganz abenteuerlich. Augstein sieht nicht nur in den USA und vor allem in Israel die tatsächlichen Kriegstreiber, sondern im Iran die Friedenslösung! Auf die Idee muss man kommen. Dabei stützt er seine Behauptungen auf das Buch „Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt!“ vom Iran-Lobbyisten und gehypten Nahost-Experten Michael Lüders. Die Mär, dass der Iran Israel seine Anerkennung gewährt, der Hezobollah und Hamas die Unterstützung entzieht und das Atomprogramm zur Verhandlung steht, hat bereits Matthias Küntzel in einer ausführlichen Analyse des Buchs zerfleddert.

Er schrieb: „Mir ist das Dokument, auf das Lüders hier anspielt, bekannt – es machte seinerzeit als „Guldimann-Memorandum“ die Runde und besteht aus einem Fax ohne Briefkopf und ohne Unterschrift, das der damalige Schweizer Botschafter Tim Guldimann an die amerikanische Regierung schickte.

Der Stellenwert dieses Fax-Dokuments ist unter Fachleuten umstritten. Doch selbst von jenen, die ihm große Bedeutung zuschreiben, kam bislang niemand auf die Idee, aus dem namenlosen Schreiben an das State Department einen Brief von Präsident Chatami an US-Präsident Bush zu machen.

Chatami hat dem Weißen Haus weder einen Brief geschrieben noch ein Gesprächsangebot unterbreitet. Niemals sprach er sich für eine Zweistaatenlösung in Palästina aus. Was Lüders hier als Fakt präsentiert, ist Fiktion; reine Phantasie.“

„Es gibt starke Kräfte in Amerika, die Obama die Hände binden wollen. In der Iran-Politik kann der Präsident nicht frei handeln.“

Wen meint er bloß damit? Wer sind diese „starkn Kräfte“, die „Obama die Hände binden wollen“? Nur einen Absatz weiter, kann man das erahnen:

„Eine Normalisierung der Beziehungen zu Teheran sei erst dann zulässig, wenn der US-Präsident vor dem Kongress erklärt, „dass Iran weder für die USA noch für Israel eine Bedrohung darstelle und den Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet sei“.“

Aha! Da haben wir es wieder. Israel ist das grösste Hindernis für den Weltfrieden. Ohne Israel und den „starken Kräften“, hätten die USA schon lange ihre Beziehungen zum Iran normalisiert. Hezbollah und Hamas sind kein Grund. Der weltweit unterstützte und finanzierte Staatsterrorismus, geschenkt. Die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und Geiselnahme von 52 Diplomaten im Jahre 1979, vergessen. Der Judenstaat ist das Problem.

Was bleibt also nach dem Lesen dieser Kolumne hängen? Jakob schafft es tatsächlich in einer Kolumne über Syrien, sich hauptsächlich auf die USA und vor allem auf Israel zu fokussieren. Kritische Worte zu Assad, den Toten oder gar einen Lösungsansatz findet er nicht. Stattdessen setzt sich die Kolumne aus phantasierten Fakten, Halbwahrheiten und den Augstein typischen antisemitischen… verzeihung ich meinte natürlich anti-israelischen Unterstellungen zusammen.

Eine faktenbasierte und unideologische Kolumne von Jakob „Augstein“ zu verlangen, wäre mittlerweile wohl zu viel, oder um es in „Augsteins“ Worte zu sagen: „Das wäre dann, wenn die Flüsse aufwärts fließen und die Hasen Jäger schießen.“

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