… dann lasst es einfach ganz sein!

Was Deutsche Medien unter einer „ausgewogenen Berichterstattung“ über den sog. Nahostkonflikt verstehen und was sie in Zukunft unternehmen sollten um sich gegen Kritiker zu immunisieren.

Am späten Sonntagabend twitterte der Nachrichtensender n-tv „#BringBackOurBoys: Hashtag befeuert Nahostkonflikt“. Die Hamas entführt drei israelische Jugendliche und Israel wird seit Tagen wieder aus Gaza mit Raketen beschossen, aber für die n-tv Redaktion befeuert ein Hashtag der Israelis den Nahostkonflikt.

Das ist der vorläufige Tiefpunkt der Berichterstattung über die verschleppten israelischen Teenager in den Deutschen Medien. Was sich in den vergangen 72 Stunden für tiefe Abgründe aufgetan haben, hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht ausmalen können. Fangen wir aber von vorne an.

Donnerstagabend wurden Gilad Shaar (16), Naftali Frenkel (16) und Eyal Yifrach (19) aus einer israelischen Siedlung nahe Hebron von Terroristen verschleppt. Israelische Medien berichteten über den Fall bereits am nächsten Morgen. Die internationale Presse übernahm die Story im Laufe des Freitags. Wobei „internationale Presse“ in diesem Zusammenhang nicht ganz richtig ist. Es gab eine Ausnahme: die Deutschen Medien- und Pressevertreter.

Gab man bei Google News Deutschland die Suchbegriffe „Israel Entführung Westjordanland“ ein, so spuckte die Suche exakt sechs(!) Meldungen in deutscher Sprache zu dem Thema aus. Über die Entführung konnte man auf solchen „besucherstarken“ Seiten wie RP ONLINE, AZ München, DW.de und Ad-Hoc-News etwas lesen. Bei den populärsten Nachrichtenseiten der Republik wie SPON, SZ, ZEIT, taz, FR, FAZ, FOCUS oder STERN herrschte jedoch verdächtige Ruhe.

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Google News Deutschland Freitagnacht: genau sechs deutschsprachige Artikel über die Entführung

Hingegen konnte man bei Google News USA mit den Suchbegriffen „Israel Westbank Abduction“, 322 Artikel zu der Meldung finden. Darunter ABC News, New York Times, Huffington Post, NBC News und die Washington Post. Wohlgemerkt, zur selben Zeit als in Deutschland ganze sechs Seiten eine Agenturmeldung der AFP übernommen hatten.

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Google News USA spuckte 322 Artikel aus

Woran lag es, dass die Deutschen Medien sich für diese Geschichte nicht interessierten? Warum berichteten die renommiertesten internationalen Medien über diesen Vorfall aber keines der Mainstreammedien in Deutschland? Lag es etwa daran, dass es sich bei den Verschleppten um Juden und nicht um Palästinenser handelte? Von Hamburg bis München sind die Redaktionen sonst so penibel und schnell jede Entwicklung im Nahostkonflikt prominent auf ihren Seiten zu featuren. Gilt das nur wenn es sich bei den vermeindlichen Opfern um Palästinensern handelt und die Täter Juden sind?

Seit Samstag – ca. 36 Stunden nach den ersten Meldungen – beantworten die Deutschen Medien diese Fragen mehr als deutlich.

Während in Gaza und der Westbank die Entführung mit Tänzen und der Verteilung von Süssigkeiten gefeiert wurde, titelte SPON:

„Israels Premier bezichtigt die Palästinenser der Entführung“

Inhaltlich stimmte die Schlagzeile, aber man hätte die Geschichte z.B. auch mit „Entführung im Westjordanland: drei israelische Jugendliche verschwunden“ oder „Israel sucht nach entführten Jugendlichen“ betiteln können. Stattdessen agiert bei den Al-Alster-Brigaden von SPON stets der Jude.

Im Artikel heisst es dann:

„Das Verschwinden der Jugendlichen belastet die ohnehin sehr angespannten Beziehungen zu den Palästinensern.“ 

Auch hier wird dem Leser erklärt, jegliche Aktion geht von Israel aus. Selbst wenn Israelis von Palästinensern entührt werden, werden nicht die Beziehungen der Palästinenser zu Israel belastet, sondern andersherum.

Ins gleiche Horn stieß man bei der Online-Redaktion der Deutschen Welle. Dem Leser wird erklärt, dass die Situation [die Entführung] „durch die jüngsten Spannungen zwischen Israel und der Palästinenserbehörde verschärft“ wird. Denn „am Mittwoch wurde ein Bewohner des Gazastreifens bei einem Luftangriff der israelischen Armee getötet“In einfachen Worten ausgedrückt: Israel hat die Entführung provoziert und trägt somit eine Mitschuld.

Da diese Opfer-Täter-Umkehr grenzdebil ist, werde ich erst gar nicht darauf eingehen. Viel interessanter ist die Formulierung „ein Bewohner des Gazastreifens“. Wer aber war dieser ominöse „Bewohner“ dessen Identität uns DW.de vorenthält?

Dieser „Bewohner“ Gazas war ein militanter Extremist und verantwortete mehrere Raketenbeschüsse auf den Süden Israels in den Tagen zuvor. Palästinensischen(!) Augenzeugen zufolge war der 25 Jährige Mitglied einer kleinen terroristischen Gruppe in Gaza mit Verbindungen zu Al-Qaida.

Dort wo man sonst so penibel zwischen „Israelis“ und „Siedler“ unterscheidet, macht man sich nicht die Mühe zwischen einem einfachen „Bewohner“ und einem „Terroristen“ zu differenzieren. Indem man bei DW.de diese (nicht unwichtigen) Details weglässt und aus dem Terroristen einen gewöhnlichen „Bewohner“ konstruiert, kann der Narrativ vom bösen Israeli/guten Palästinenser weiter vorangetrieben werden.

Schließlich erbarmten sich am Sonntagabend auch die Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF und berichteten auf ihre Art und Weise über den Fall. Die Tagesschau stach hier besonders hervor und erreichte einen vorher nicht vorstellbaren neuen Tiefpunkt. Der ARD-Korrespondent, Richard C. Schneider, erklärt:

„Premier Netanjahu versucht nun aus der Entführung politisches Kapital zu schlagen.“

Den Bericht schließt er mit folgenden Worten ab:

„Israels Premier Netanjahu wird mit allen Mitteln sein politisches Ziel weiterverfolgen, vor allem den Amerikanern zu beweisen, dass die Anerkennung der palästinensischen Einheitsregierung ein Fehler war. Sollte ihm dies gelingen, würden Präsident Obama und Aussenminister Kerry wohl keine Chance mehr haben Netanjahu zu neuen Friedensverhandlungen bewegen zu können.“

Es ist wohl nur in der Parallelwelt Deutscher Nahost-Korrespondenten möglich davon auszugehen, dass ein demokratisch gewählter Regierungschef von der Gefährdung der Sicherheit der eigenen Bevölkerung profitiert. Die einzigen die danach trachten politisches Kapital aus den Entführungen von Israelis in der eigenen Bevölkerung zu schlagen, sind die Terroristen.

Allein seit 2013 wurden 64 Entführungsversuche der Hamas durch Kräfte der IDF und ISA verhindert. Entführungen israelischer Bürger gehören zu einer breit angelegten Strategie der palästinenischen Terrorgruppen. Die Opfer dieser Verschleppungen sollen als Verhandlungsmaße dienen um in Israel verurteilte Palästinenser freizupressen und sich so Sympathien bei der eigenen Bevölkerung zu sichern. Diese Fakten dürften auch Richard C. Schneider hinlänglich bekannt sein.

Dennoch gelingt es ihm den Spieß umzudrehen und die Entführung auf niederträchtigste Art und Weise als etwas positives für die Netanjahu-Regierung darzustellen. Vielleicht sollte jemand Richard C. Schneider erklären, dass die Entführung von drei Jugendlichen nicht nötig sei um Präsident Obama und Aussenminister Kerry zu beweisen, dass die Anerkennung der Famas-Regierung ein Fehler war.

Die zehntausende auf Israel abgeschossenen Raketen aus Gaza seit 2006 sind Beweis genug. Ein Blick in die Charta der Hamas ist Beweis genug. Selbst das Durchlesen der eigenen Gesetzgebung, dürfte Präsident Obama und Aussenminister Kerry Beweis genug sein. Denn dort heisst es ganz klar, dass jede palästinensische Führung an der die Hamas direkt oder indirekt beteiligt ist, keine Finanzierungen aus den USA erhalten darf.

Worüber sich Schneider aber am meisten besorgt zeigt, ist ein Szenario in dem Präsident Obama und Aussenminister Kerry sich davon überzeugen könnten, dass die Famas-Regierung anzuerkennen ein Fehler gewesen sei und sie den „Hardliner“ Netanjahu nicht mehr zu Friedensverhandlungen bewegen könnten.

Wieder agiert der Israeli. Die Entführung von israelischen Kindern durch eine der beiden Parteien der Famas-Regierung, stellt für Schneider hingegen keinen Beweis für die Friedensunfähigkeit der aktuellen palästinensischen Führung dar.

Womit wir wieder bei n-tv und dem gefährlichsten Hashtag der jüngeren Nahost-Geschichte wären. Die vergangenen drei Tage haben sehr deutlich vor Augen geführt, was die deutsche Presse- und Medienlandschaft unter einer ausgewogenen Berichterstattung über den sog. Nahostkonflikt versteht. Über den israelisch-palästinensischen Konflikt „ausgewogen“ zu berichten, bedeutet in Deutschland ausschließlich die palästinensische Geschichte zu erzählen. Die israelische Position wird nur dann interessant, wenn sie als ein Friedenshindernis (wenn Häuser gebaut werden) oder Provokation (wenn noch mehr Häuser gebaut werden) gegenüber den Palästinensern dargestellt werden kann.

Die linke Tageszeitung Ha’aretz (Marktanteil unter 5%) wird in 99% aller in Deutschland erscheinenden Artikel über Israel als einzige vorhandene journalistische Quelle herangezogen. Der überwältigende Teil der Israelis, die von deutschen Medien interviewt werden, zählen sich selbst zum linken bzw. zum links-extremen Spektrum. Viele davon haben lediglichen einen israelischen Pass oder sind schlicht (Alibi-)Juden, die noch nie länger als eine Woche in Israel verbracht haben. Diese Personen legtimieren jedoch die Positionen, die in den Redaktionen Deutscher Presseoutlets vorherrschen und verleihen diesen somit mehr Glaubwürdigkeit.

Der Narrativ böser Israeli/guter Palästinenser wird seit mindestens 20 Jahren dogmatisch in Deutschland verbreitet. Am besten lässt sich das nicht an den Inhalten der Artikel der letzten Tagen erkennen, sondern an der Bebilderung.

Wenn ein Kind entführt wird dann dauert es nicht lange und alle Meldungen, Artikel und Fernsehberichte eröffnen mit einem Bild des Kindes. Sie schaffen eine emotionale Bindung zwischen Story und Leser/Zuschauer. ‚Giving a face to the story‘ (der Geschichte ein Gesicht verleihen) heisst es im Fachjargon. Der Konsument soll emotional involviert sein um sich noch mehr für die Geschichte zu interessieren. Daher kennt auch jeder in Deutschland Peggy Knobloch und weltweit Maddie MacCan.

Für durch Terroristen entführte Israelis gibt es in Deutschland aber eine Ausnahmeregelung. Nicht eine einzige Deutsche Nachrichtenseite oder Nachrichtensendung zeigte Bilder von den drei verschleppten 16 bis 19 Jährigen. Bei SPON und DW blickt Netanjahu ganz niederträchtig und Böse auf den Leser herab. Bei einem weiteren Artikel zum Thema auf SPON, bekommt der Leser anstelle der entführten Jugendlichen, einen IDF-Soldaten bei der Festnahme eines palästinensischen Verdächtigen zu sehen. Die „richtige“ Rollenverteilung von Tätern und Opfern wird so, ganz unabhängig vom Inhalt des Artikels, wieder zurecht gebogen.

Ebenso bei der Tagesschau. Hinter der Sprecherin füllt das Bild schwerbewaffneter IDF-Soldaten den gesamten Bluescreen aus. Im Bericht selbst werden ausschließlich Aktionen der IDF in Hebron gezeigt. Auf eines der Aufnahmen werden IDF-Soldaten bei einer Hausdurchsuchung gezeigt. Die Kamera fokussiert dabei eine verschreckte ältere Frau mit Kopftuch.

Von den Eltern der verschleppten Jugendlichen, die sich bereits am Samstag vor laufenden Kameras an die Öffentlichkeit gewendet haben, war hingegen nichts zu sehen. Ob Fernsehen, Presse und Internet ebenso die Jugendlichen und deren Eltern ignoriert hätten, wenn es Palästinenser gewesen wären? Wohl kaum!

Da diese Art von Berichterstattung über den Nahostkonflikt ganz und gar nicht ausgewogen ist und man in sämtlichen Redaktionsstuben an diesem Wochenende klargemacht hat, dass man kein Interesse daran hat die Art und Weise wie darüber berichtet wird zu ändern, möchte ich allen Deutschen Medien einen Vorschlag unterbreiten um sich zukünftig jeglicher Kritik und Zweifel an der Objektivität solcher Berichterstattung zu entziehen:

Berichtet weder über die Israelis noch über die Palästinenser. Holt alle Israel-/Nahost-korrespondenten wieder heim. Ignoriert dieses kleine Fleckchen Erde, wie Ihr es mit über 150 anderen Staaten ebenfalls tut. Denn wenn ihr nicht gewillt oder in der Lage dazu seid diesen Konflikt objektiv, ethisch und mit Fakten unterlegt von allen Seiten zu beleuchten, dann lasst es einfach ganz sein!

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11 Gedanken zu “… dann lasst es einfach ganz sein!

  1. Ausgezeichnet – vielen Dank!!! Habe ein Lesezeichen gesetzt und werde Euern Link später mit meiner Seite verlinken.
    ch habe mich gesetrn auch granatenmäßig über den Beitrag von Richard C. Schneider in der Tagesschau der ARD aufgeregt – dieser Mann ist einer der vielen deutsch-medialen „Katastrophen“ für Israel!

  2. Hier findet man etwas über die Kriterien des ARD
    http://www.ard.de/download/682560/index.pdf

    Darin stehen solche wunderschönen Wörter wie
    • Unparteilichkeit (?)
    • Unabhängige Berichterstattung durch weltweites Korrespondentennetz
    (Antizionismus und unabhängig? wie passt das zusammen??)
    • Nachhaltigkeit (ja, darüber kann man nicht klagen!)
    • Journalistische Fairness (dass ich nicht lache!)
    • Darlegung von Hintergründen
    (nur solche, die ein schlechtes Bild auf Israel abwerfen)
    • Kritische Analyse (wenn auch sehr einseitig und parteiergreifend)
    • Nutzwert, Aufdeckung von Missständen
    (wenn auch sehr einseitig und parteiergreifend)
    • Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung (z.B. Antizionismus)

  3. Pingback: Was ist da los? Die Medienmeute ist los… | abseits vom mainstream - heplev

  4. Pingback: #eyalgiladnaftali #bringbackourboys | israelkompetenzkollektion

  5. Sie sprechen mir aus der Seele. Die Berichterstattung über israelisch-palästinensische Konflikte ist einseitig zu Lasten der israelischen Seite und zeigt damit eine selektive Wahrnehmung der betreffenden Journalisten, die offenbar nicht in der Lage sind objektiv und fair zu berichten. Die zu Grunde liegenden ethischen und moralischen Maßstäbe sind nicht einheitlich. So werden die Palästinenser von vornherein als zivile Opfer einer überlegenen israelischen Militärmaschine dargestellt. Die palästinensischen Gewalttaten und Morde gegenüber israelischen Bürgern (Soldaten sind doch auch Menschen – oder nicht?) werden neutral gesehen und nicht wirklich verurteilt, als dürften sie sich solche Gräueltaten (wie die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen leisten, weil sie arm und frustriert sind). Es fehlt der Zusammenhang, z.B. weil die PA Regierung lieber Terroristen unterstützt (mit EU-Geldern), hat sie leider kein Geld für die eigene Bevölkerung, für Bildung, soziale Leistungen. Einige palästinensischen Mütter haben leider keine andere Möglichkeit als ihre einjährigen Kinder schon als Selbstmordattentäter (Verzeihung- Märtyrer!) mit einer niedlichen Bombenattrappe zu versehen, um sie schon auf ihre künftige Aufgabe vorzubereiten. Was für eine schöne Aussicht auf das Leben! Im „richtigen“ Alter töten sie nicht nur sich sondern viele andere Israelis, die friedlich vor Cafés sitzen und ihre Familien erhalten erst dann das Geld, was sie vorher nicht bekommen konnten, weil die PA Regierung (für das Leben ihrer Bürger) leider kein Geld hatte. Interessant finde ich auch Abbas Vorwurf, zu viel Wind um die Entführten zu machen. Klar: wer so wenig für Menschenleben übrig hat, hat dafür sicher kein Verständnis. Die Feinde sind jedoch schon zu etwas nutze. So lässt sich Abbas Frau in einem israelischen Krankenhaus behandeln.
    Schalom!

  6. Pingback: Momentaufnahme: Antisemitismus in Deutschland II | israelkompetenzkollektion

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